Veröffentlicht am März 11, 2024

Der grösste Irrglaube in der Kosmetik ist, dass „natürlich“ immer gut und „chemisch“ immer schlecht ist; die Wahrheit liegt in der wissenschaftlichen Formulierung.

  • Alkohol ist kein reiner Füllstoff, sondern oft ein essenzieller Teil des Konservierungs- und Wirksystems.
  • Natürliche Duftstoffe wie Limonen können potenziell irritierender sein als synthetische Alternativen.
  • „Clean Beauty“ ist ein ungeschützter Marketingbegriff, während zertifizierte Naturkosmetik geprüften Standards folgt.

Empfehlung: Lernen Sie, die INCI-Liste wie das Rezept eines Entwicklers zu lesen. Nur so können Sie Produkte anhand ihrer wahren Qualität und nicht nur anhand von Marketingversprechen beurteilen.

Das Versprechen von Naturkosmetik ist verlockend: reine Inhaltsstoffe, die Kraft der Pflanzen, ein gutes Gewissen für Haut und Umwelt. Viele kritische Verbraucher drehen deshalb die Verpackung um und blicken auf die INCI-Liste – eine scheinbar kryptische Aneinanderreihung lateinischer und englischer Begriffe. Oft endet die Analyse hier mit einem Gefühl der Überforderung oder einem vorschnellen Urteil: „Alkohol an zweiter Stelle? Das trocknet doch aus!“ oder „So viele komplizierte Namen, das kann nicht gut sein.“

Als Naturkosmetik-Entwicklerin, die sowohl die Kraft der Pflanzen als auch die Präzision der Chemie liebt, sehe ich das anders. Die INCI-Liste ist kein Feindbild, sondern ein Rezeptbuch. Sie verrät, wie eine Formulierungskunst funktioniert, bei der jede Zutat eine Rolle spielt. Die Herausforderung besteht nicht darin, einzelne „böse“ Inhaltsstoffe zu meiden, sondern die Wirkstoff-Synergie im Gesamtprodukt zu verstehen. Die Vorstellung, dass „kontrolliert biologischer Anbau“ (kbA) automatisch ein sanftes und wirksames Produkt garantiert, ist eine gefährliche Vereinfachung.

Doch was, wenn die wahre Kompetenz nicht darin liegt, Inhaltsstoffe blind zu verteufeln, sondern ihre Funktion zu verstehen? Wenn die Antwort auf die Frage nach guter Kosmetik nicht „ohne Chemie“ lautet, sondern „mit der richtigen Chemie“? Dieser Artikel nimmt Sie mit ins Labor. Wir werden die häufigsten Mythen rund um die INCI-Liste entlarven und Ihnen das Wissen an die Hand geben, um selbstbewusst zu entscheiden, was wirklich gut für Ihre Haut ist – basierend auf Wissenschaft, nicht auf Marketing.

Um die Geheimnisse hinter den Etiketten zu lüften, werden wir die häufigsten Fragen und Missverständnisse Schritt für Schritt durchgehen. Dieser Leitfaden strukturiert das Wissen, das Sie benötigen, um vom verunsicherten Leser zum mündigen Kosmetik-Kenner zu werden.

Warum wird oft Alkohol eingesetzt und trocknet er die Haut wirklich aus?

Alkohol in Kosmetik hat einen notorisch schlechten Ruf. Er steht sinnbildlich für austrocknende, aggressive Formulierungen. Doch diese pauschale Verurteilung ist aus Sicht der Produktentwicklung zu kurz gedacht. Alkohol, meist als „Alcohol“ oder „Alcohol denat.“ deklariert, ist ein hochwirksames multifunktionales Werkzeug. Er dient als natürliches Konservierungsmittel, das Bakterien und Schimmelpilze in Schach hält und so die Haltbarkeit des Produkts ohne synthetische Alternativen sichert. Zudem fungiert er als Lösungsmittel, um wertvolle pflanzliche Extrakte überhaupt erst aus der Pflanze zu lösen und für die Haut verfügbar zu machen.

Die entscheidende Frage ist nicht, *ob* Alkohol enthalten ist, sondern *welcher*, *wie viel* und *in welcher Kombination*. Hochprozentiger, unvergällter Weingeist aus biologischem Anbau (kbA) ist nicht mit den harschen, denaturierten Alkoholen in manchen konventionellen Produkten vergleichbar. Zudem gibt es Fettalkohole (z. B. Cetyl Alcohol, Cetearyl Alcohol), die aus pflanzlichen Fetten gewonnen werden und die Haut sogar pflegen und geschmeidig machen, anstatt sie auszutrocknen. Sie haben mit dem austrocknenden „Trinkalkohol“ chemisch wenig gemeinsam.

Traditionelle Destillationsanlage für Bio-Weingeist in der Naturkosmetikherstellung

Die austrocknende Wirkung hängt massgeblich von der Konzentration und der Gesamtformulierung ab. In niedriger Dosierung, eingebettet in eine Matrix aus pflegenden Ölen, feuchtigkeitsspendendem Glycerin und schützenden Wachsen, verfliegt der Alkohol schnell von der Hautoberfläche. Seine konservierende und lösende Funktion hat er dann bereits erfüllt, ohne die Hautbarriere zu beeinträchtigen. Ein Produkt ist immer mehr als die Summe seiner Teile. Erst das Zusammenspiel aller Komponenten im Konservierungssystem und der Pflegematrix bestimmt die tatsächliche Wirkung auf die Haut.

Warum ist „natürlich“ nicht immer „sanft“: Die Gefahr von Limonen und Linalool?

Der Duft von Lavendel, Zitrone oder Rose ist für viele der Inbegriff von Naturkosmetik. Doch genau hier lauert ein häufiges Missverständnis: „Natürlich“ ist kein Synonym für „hypoallergen“. Viele dieser Düfte basieren auf natürlichen ätherischen Ölen, und diese sind komplexe Gemische aus hunderten Einzelmolekülen. Einige dieser Moleküle, wie Limonene, Linalool, Geraniol oder Citral, haben ein bekanntes allergenes Potenzial. Sie können bei empfindlichen Personen Hautreizungen, Rötungen oder sogar Kontaktallergien auslösen.

Aus diesem Grund hat die EU-Gesetzgebung eine strenge Deklarationspflicht eingeführt. Laut EU-Kosmetikverordnung müssen 26 potenziell allergene Duftstoffe auf der INCI-Liste separat aufgeführt werden, sobald sie eine bestimmte Konzentration überschreiten. Dies gilt sowohl für synthetisch zugesetzte Stoffe als auch für solche, die natürlicher Bestandteil von ätherischen Ölen sind. Dies ist ein wichtiges Werkzeug für Allergiker, um problematische Produkte zu identifizieren.

Seriöse Naturkosmetik-Hersteller gehen hier transparent vor. Sie verschleiern diese Stoffe nicht, sondern listen sie am Ende der INCI-Liste auf und kennzeichnen sie oft mit einem Sternchen (*from natural essential oils). Dies zeigt, dass die Stoffe nicht isoliert hinzugefügt wurden, sondern Teil der natürlichen Duftkomposition sind.

Beispiel für transparente Deklaration: Weleda Skin Food

Ein Blick auf die INCI-Liste der beliebten Weleda Skin Food Creme illustriert diesen Punkt perfekt. Am Ende der Liste finden sich die Einträge: LIMONENE*, LINALOOL*, GERANIOL*, CITRAL*, COUMARIN*. Die Kennzeichnung mit Sternchen signalisiert dem Verbraucher unmissverständlich, dass es sich um natürliche Bestandteile der verwendeten ätherischen Öle handelt und nicht um isolierte, synthetische Zusätze. Diese Transparenz ermöglicht es empfindlichen Nutzern, eine informierte Entscheidung zu treffen.

Anstatt also alle Produkte mit diesen Namen zu meiden, ist es ratsam, die eigene Haut zu beobachten. Ein Patch-Test in der Armbeuge kann bei neuen Produkten Aufschluss geben. Für extrem sensible oder allergiegeplagte Haut sind unparfümierte Naturkosmetik-Linien oft die bessere und sicherere Wahl.

Ist Kamille im Tiegel noch so wirksam wie frisch aufgebrüht?

Ein frisch aufgebrühter Kamillentee beruhigt Magen und Seele – aber kann ein Kamillenextrakt in einer Creme nach Monaten im Badezimmerschrank noch genauso wirken? Die Antwort liegt in der modernen Pflanzenextraktion, einer Wissenschaft für sich. Die Wirksamkeit eines Pflanzenextrakts hängt entscheidend von der Bioverfügbarkeit seiner Inhaltsstoffe ab, und diese wird durch das Herstellungsverfahren bestimmt.

Traditionelle Methoden wie das Einlegen in Öl oder Alkohol haben ihre Berechtigung, doch für besonders empfindliche Wirkstoffe sind sie oft zu grob. Hitze, Licht und Sauerstoff können wertvolle Moleküle, wie das entzündungshemmende Bisabolol in der Kamille, zerstören. Deshalb setzen hochwertige Hersteller auf schonende Verfahren. Ein Goldstandard ist die überkritische CO2-Extraktion. Dabei wird Kohlendioxid unter hohem Druck in einen Zustand zwischen flüssig und gasförmig gebracht, um die Wirkstoffe sanft aus der Pflanze zu lösen.

Der entscheidende Vorteil: Dieses Verfahren findet bei sehr niedrigen Temperaturen statt. So werden bei der CO2-Extraktion die Pflanzenextrakte besonders schonend hergestellt, oft bei einer niedrigen Herstelltemperatur von ca. 31°C. Dadurch bleiben hitze- und sauerstoffempfindliche bioaktive Wirkstoffe optimal erhalten. Das Ergebnis ist ein hochkonzentrierter, reiner Extrakt, der das volle Spektrum der Pflanze in den Cremetiegel bringt – oft wirksamer als ein einfacher wässriger Aufguss. So beruhigen Extrakte aus Stiefmütterchen und Kamille strapazierte Haut, während Auszüge aus Rosmarin und Calendula die Regeneration fördern.

Ein hochwertiger Extrakt ist also weit mehr als nur „getrocknete Pflanze in Creme“. Er ist das Ergebnis eines präzisen biotechnologischen Prozesses, der darauf abzielt, die Intelligenz der Natur in einer stabilen und wirksamen Form zu konservieren. Die Wirksamkeit im Tiegel kann die eines frischen Aufgusses daher sogar übertreffen, da die Konzentration und Stabilität der Wirkstoffe gezielt optimiert wurden.

Wie erkennen Sie „Mandelöl“ (Prunus Amygdalus Dulcis) auf der Rückseite?

Mandelöl ist ein Klassiker in der Hautpflege, bekannt für seine pflegenden und reizlindernden Eigenschaften. Doch auf der INCI-Liste ist Mandelöl nicht gleich Mandelöl. Der offizielle Name lautet „Prunus Amygdalus Dulcis Oil“. Allein dieser Name verrät aber noch nichts über die Qualität. Als informierter Verbraucher können Sie jedoch mit wenigen Blicken entscheidende Qualitätsunterschiede erkennen und so die Spreu vom Weizen trennen.

Der erste und wichtigste Indikator für höchste Qualität ist das kleine Sternchen. Finden Sie den Eintrag „Prunus Amygdalus Dulcis Oil*“, signalisiert dies, dass das Öl aus kontrolliert biologischem Anbau (kbA) stammt. Das bedeutet, die Mandeln wurden ohne den Einsatz von synthetischen Pestiziden angebaut, was das Risiko von unerwünschten Rückständen im Öl minimiert. Fehlt das Sternchen, handelt es sich um konventionell erzeugtes Öl.

Ein weiterer Aspekt ist die Unterscheidung zum Bittermandelöl („Prunus Amygdalus Amara Kernel Oil“), das primär als Duftstoff dient und deutlich geringere Pflegeeigenschaften besitzt. Die folgende Tabelle fasst die wichtigsten Unterschiede zusammen, die Sie direkt auf der Verpackung erkennen können.

Diese Tabelle hilft Ihnen, die verschiedenen Bezeichnungen für Mandelöl auf der INCI-Liste zu entschlüsseln und die Qualität einzuschätzen, wie eine aktuelle Analyse der Deklarationen zeigt.

Qualitätsunterschiede bei Mandelöl in der INCI-Liste
INCI-Bezeichnung Bedeutung Qualität
Prunus Amygdalus Dulcis Oil* Süssmandelöl aus kbA Höchste Qualität, pestizidfrei
Prunus Amygdalus Dulcis Oil Konventionelles Süssmandelöl Standard, mögl. Pestizidrückstände
Prunus Amygdalus Amara Kernel Oil Bittermandelöl Primär als Duftstoff, weniger pflegend

Ihr 5-Punkte-Plan zur Überprüfung von Mandelöl auf dem Etikett

  1. Punkte de contact: Identifizieren Sie alle Informationsquellen: INCI-Liste auf der Rückseite, offizielle Bio-Siegel (z.B. NATRUE) und die Produktbeschreibung auf der Vorderseite.
  2. Collecte: Suchen Sie gezielt nach „Prunus Amygdalus Dulcis Oil“. Notieren Sie, ob ein Sternchen (*) vorhanden ist und an welcher Position der Inhaltsstoff in der Liste steht (je weiter vorne, desto höher der Anteil).
  3. Cohérence: Vergleichen Sie die Position in der INCI-Liste mit den Werbeversprechen. Wirbt das Produkt mit „reich an Mandelöl“, aber der Inhaltsstoff steht fast am Ende? Dies ist ein Warnsignal.
  4. Mémorabilité/émotion: Achten Sie auf zusätzliche Qualitätsmerkmale in der Produktbeschreibung wie „kaltgepresst“ (cold-pressed). Dieses schonende Verfahren erhält mehr Vitamine und Fettsäuren im Öl.
  5. Plan d’intégration: Bevorzugen Sie Produkte, bei denen Mandelöl aus kbA (*) möglichst weit vorne in der INCI-Liste steht. Erwägen Sie, Produkte zu ersetzen, die nur mit Mandelöl werben, es aber kaum enthalten.

Ist Wasser an erster Stelle der Liste Betrug oder notwendig?

„Aqua“ an erster Stelle der INCI-Liste zu sehen, führt oft zu Enttäuschung. Der Gedanke: „Ich zahle für ein teures Produkt und bekomme hauptsächlich billiges Wasser.“ Diese Sichtweise ist verständlich, aber in der Kosmetikentwicklung ist Wasser (Aqua) alles andere als ein nutzloser Füllstoff. Es ist die Grundlage fast jeder Emulsion (Cremes, Lotionen) und das wichtigste Lösungsmittel für eine Vielzahl hochwirksamer Inhaltsstoffe wie Glycerin, Hyaluronsäure oder bestimmte Vitamine, die nicht öllöslich sind. Ohne Wasser gäbe es keine leichten, feuchtigkeitsspendenden Texturen.

Ein Produkt, das Wasser enthält, muss wirksam vor mikrobiellem Verderb geschützt werden, weshalb ein funktionierendes Konservierungssystem (wie z.B. mit Alkohol) unerlässlich ist. Es gibt zwar wasserfreie Produkte („Anhydrous Beauty“) wie reine Öle oder Balsame, diese bieten jedoch eine sehr reichhaltige, oft schwere Pflege und sind nicht für jeden Hauttyp oder jede Anwendung geeignet. Leichte Tagescremes oder Seren benötigen Wasser als Trägersubstanz, um Feuchtigkeit in die Haut zu transportieren.

Frische Rosenblüten und destilliertes Rosenwasser in der Naturkosmetikherstellung

Der wahre Unterschied zwischen einem Standardprodukt und hochwertiger Naturkosmetik zeigt sich oft in der *Art* der wässrigen Phase. Statt gereinigtem Wasser („Aqua“) verwenden Premium-Hersteller oft Pflanzenwässer, sogenannte Hydrolate. Diese entstehen als Nebenprodukt bei der Destillation von Pflanzen zur Gewinnung ätherischer Öle. Ein Rosenhydrolat („Rosa Damascena Flower Water“) oder Hamameliswasser („Hamamelis Virginiana Water“) bringt bereits eigene beruhigende, klärende oder adstringierende Eigenschaften mit in die Formulierung. Es ist also nicht nur Lösungsmittel, sondern ein aktiver Wirkstoff. Steht ein Hydrolat an erster Stelle, rechtfertigt das einen höheren Preis und zeugt von einer durchdachten, hochwertigen Formulierung.

Warum bekommen Sie Pickel, wenn Sie plötzlich auf Naturkosmetik umsteigen (Erstverschlimmerung)?

Die Entscheidung ist gefallen: Sie ersetzen Ihre konventionelle Hautpflege durch zertifizierte Naturkosmetik. Doch nach wenigen Tagen oder Wochen passiert das Unerwartete: Statt eines strahlenden Teints zeigen sich Pickel, Unterlagerungen und Rötungen. Viele werfen an diesem Punkt frustriert das Handtuch und kehren zu ihren alten Produkten zurück. Dieses Phänomen ist als „Erstverschlimmerung“ oder Hautanpassungsphase bekannt und ein ganz normaler Prozess.

Konventionelle Kosmetik arbeitet oft mit Inhaltsstoffen wie Silikonen oder Mineralölen. Diese legen sich wie ein Film auf die Haut, machen sie oberflächlich glatt und schliessen die Poren. Wenn Sie diese Produkte absetzen, muss die Haut erst wieder lernen, „selbstständig“ zu arbeiten. Die Talgproduktion muss sich neu regulieren, und angesammelte Unreinheiten, die unter dem Film verborgen waren, kommen nun an die Oberfläche. Naturkosmetik hingegen regt die hauteigenen Regenerationsprozesse an. Sie gibt der Haut Impulse, wieder ins Gleichgewicht zu finden, anstatt Probleme nur zu überdecken.

„Kurz nach der ersten Benutzung habe ich viel Pickel bekommen, wie nie zuvor. Daher habe ich wieder zu einem anderen Produkt gewechselt.“

– Anonymer Erfahrungsbericht

Dieser Erfahrungsbericht ist ein typisches Beispiel für einen vorschnellen Produktwechsel während dieser wichtigen Phase. Die Haut benötigt Zeit für diesen „Entgiftungsprozess“. Die Umstellungsphase auf Naturkosmetik dauert typischerweise 2-4 Wochen, was ungefähr einem kompletten Hauterneuerungszyklus entspricht. Es ist entscheidend, in dieser Zeit geduldig zu bleiben, die Haut sanft zu reinigen und ihr Feuchtigkeit zu spenden. Die anfänglichen Unreinheiten sind meist ein Zeichen dafür, dass die Haut zu arbeiten beginnt und sich von Altlasten befreit.

Das Wissen um die Möglichkeit einer Erstverschlimmerung ist entscheidend, um den Umstieg auf Naturkosmetik erfolgreich zu meistern.

Das Wichtigste in Kürze

  • Die Formulierung ist entscheidend: Inhaltsstoffe wie Alkohol wirken im Gesamtkontext der Rezeptur, nicht isoliert.
  • „Natürlich“ bedeutet nicht hypoallergen; achten Sie auf die gesetzliche Deklarationspflicht für 26 allergene Duftstoffe, auch in Bio-Produkten.
  • Zertifizierte Naturkosmetik (z.B. NATRUE, COSMOS) bietet durch unabhängige Kontrollen geprüfte Standards, während „Clean Beauty“ oft ein ungeschützter Marketingbegriff ist.

Was ist der Unterschied zwischen „Clean Beauty“ bei Douglas und echter zertifizierter Naturkosmetik?

Der Begriff „Clean Beauty“ ist allgegenwärtig. Grosse Parfümerien wie Douglas haben ihm ganze Bereiche gewidmet und bewerben Produkte als „frei von“ bestimmten Inhaltsstoffen. Für viele Verbraucher klingt das wie ein Synonym für Naturkosmetik. Doch hier liegt ein entscheidender Unterschied, der über die Qualität und die Philosophie eines Produktes entscheidet. „Clean Beauty“ ist kein zertifizierter oder rechtlich geschützter Begriff. Jede Marke, jedes Handelshaus kann seine eigenen Kriterien definieren, was „clean“ für sie bedeutet.

Jede zertifizierte Naturkosmetik ist gleichzeitig Clean Beauty, aber nicht jede Clean Beauty-Marke ist Naturkosmetik. Ohnehin sind beide Namen nicht geschützt und können in Deutschland auf jedem Produkt ohne Voraussetzungen genutzt werden. Was Clean Beauty also für die Marke bedeutet, regelt jedes Unternehmen selbst.

– WMN Beauty-Redaktion, Clean Beauty: Der offizielle Guide

Im Gegensatz dazu stehen Siegel für zertifizierte Naturkosmetik wie NATRUE oder COSMOS. Diese werden von unabhängigen Stellen vergeben und basieren auf strengen, transparenten Richtlinien. Sie definieren nicht nur, welche Inhaltsstoffe verboten sind, sondern auch, welche Herstellungsverfahren erlaubt sind und – ganz entscheidend – einen Mindestanteil an Inhaltsstoffen aus kontrolliert biologischem Anbau vorschreiben. „Clean Beauty“ stellt oft keine Anforderungen an den Bio-Anteil.

Die folgende Tabelle verdeutlicht die zentralen Unterschiede zwischen dem hauseigenen Standard von „Clean Beauty“ und den Anforderungen echter zertifizierter Naturkosmetik.

Clean Beauty vs. Zertifizierte Naturkosmetik – Die wichtigsten Unterschiede
Kriterium Clean Beauty (Douglas) Zertifizierte Naturkosmetik (NATRUE/COSMOS)
Definition Frei von Silikonen, PEGs, synthetischen Duftstoffen, Parabenen, Phtalaten, Oxybenzonen, aggressiven Sulfaten, Ethanolaminen, Mineralöl, Formaldehyden Mindestanteil kbA-Inhaltsstoffe vorgeschrieben
Kontrolle Hauseigener Standard ohne externe Prüfung Unabhängige Zertifizierung mit regelmässigen Kontrollen
Bio-Anteil Keine Vorgaben Je nach Siegel 70-95% aus biologischem Anbau
Rechtlicher Status Kein zertifizierter oder geschützter Begriff Geschützte Siegel mit transparenten Kriterien

Die Kenntnis des Unterschieds zwischen Marketingbegriffen und echten Zertifizierungen ist der letzte Baustein auf dem Weg zur mündigen Kaufentscheidung.

Was ist der Unterschied zwischen „Clean Beauty“ bei Douglas und echter zertifizierter Naturkosmetik?

Nachdem wir die technischen Details von Inhaltsstoffen und die Fallstricke von Marketingbegriffen beleuchtet haben, schliesst sich der Kreis. Die Fähigkeit, eine INCI-Liste zu lesen, ist mehr als nur eine technische Übung – sie ist ein Akt der Selbstermächtigung. Sie befreit Sie von der Abhängigkeit von Werbeversprechen und nichtssagenden „Frei-von“-Labeln. Sie erkennen nun, dass die Qualität eines Produktes nicht in dem liegt, was fehlt, sondern in dem, was enthalten ist und wie es formuliert wurde.

Sie verstehen, dass Alkohol ein nützliches Werkzeug sein kann, dass Pflanzenwässer einen echten Mehrwert gegenüber normalem Wasser bieten und dass ein Bio-Siegel eine verlässlichere Aussagekraft hat als der Trendbegriff „Clean Beauty“. Diese Kompetenz ermöglicht es Ihnen, den wahren Wert eines Produkts zu erkennen und gezielt in die Gesundheit Ihrer Haut zu investieren. Es geht nicht darum, ein perfektes, „chemiefreies“ Produkt zu finden, sondern das für Ihre Haut und Ihre Bedürfnisse passende Produkt auszuwählen, dessen Formulierung Sie verstehen und dem Sie vertrauen können.

Die Reise durch die Welt der Naturkosmetik ist eine kontinuierliche Lernkurve. Doch mit dem hier erworbenen Wissen halten Sie den Kompass bereits in der Hand. Sie können nun jedes Produkt mit dem analytischen Blick einer Entwicklerin und dem kritischen Auge einer informierten Verbraucherin bewerten.

Beginnen Sie noch heute damit, die Produkte in Ihrem Badezimmer mit diesem neuen Wissen zu analysieren. Drehen Sie die Verpackung um und entdecken Sie die Geschichten, die Ihnen die INCI-Listen wirklich erzählen.

Geschrieben von Lena Dr. Med. Hartmann, Fachärztin für Dermatologie und Venerologie mit eigener Praxis in Hamburg, spezialisiert auf medizinische Kosmetik und Inhaltsstoff-Analyse. Sie widmet sich der Aufklärung über evidenzbasierte Hautpflege jenseits von Marketing-Versprechen.